Der gelingende Dialog – mit der Gesprächswippe
Dialog am Arbeitsplatz:
Kollegin A: „So ein Mist mit der ganzen neuen Technik – das kapiert doch keiner.“
Kollege B: „Du warst ja auch mal wieder krank, als wir die technische Einführung hatten.“
Findet hier ein Austausch auf Augenhöhe statt? Beide Seiten äußern ihre Gedanken. Doch sicherlich geht ein konstruktiver Austausch über das Eigentliche, was beide Seiten bewegt, an der Stelle nicht weiter. Frau A fühlt sich vermutlich unsicher durch die fehlende technische Kompetenz. Herr B ist vielleicht frustriert darüber, (zu) viel gearbeitet zu haben in letzter Zeit und er wünscht sich mehr Unterstützung und Austausch mit seiner Kollegin.
Wann haben Sie das letzte Mal eine tiefe Verbindung in einem Gespräch mit jemandem gespürt – egal ob beruflich oder privat?
Die Chance für einen guten Dialog kommt nicht oft. Reden können wir alle. Jedoch zuhören, verstehen und gemeinsam überlegen – das ist eine Kunst. Oft reden wir aneinander vorbei, haben unsere Meinung bereits „vorgedacht“ und möchten sie lediglich „platzieren“ und unseren Gesprächspartner überzeugen. Dabei kommen selbst unsere gutgemeinten Aussagen beim anderen nicht immer so an, wie wir es beabsichtigt haben.
„Zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was verstanden, liegt ein Ozean.“ – Konrad Lorenz
Bei der Anzahl an Missverständnissen, die sich immer wieder im Alltag ergeben, könnte man meinen, Kommunikation ist Glückssache. Gleichzeitig ist es beeindruckend, wie oft wir den Eindruck haben, dass wir unser Gegenüber verstanden haben und uns im Nachhinein wundern, dass dies doch nicht der Fall war.
Beispiel: Eine Kollegin sendet ihrem Kollegen per E-Mail ein aufwändig erarbeitetes Protokoll der letzten Team-Sitzung, die sie erstellt hat. Der Kollege antwortet knapp mit „O.k.“. Die Kollegin ist enttäuscht und fühlt sich mit ihrem Engagement nicht genügend gesehen. Der Kollege versteht hingegen gar nicht, weshalb sie „plötzlich so schnippisch“ ist. Er hat sich doch schließlich bei ihr bedankt.
Weshalb fällt es uns so schwer, in einen echten Dialog zu kommen?
Missverstehen hat eine hohe Wahrscheinlichkeit. Das bedeutet auch, dass wir uns nicht zu sehr unter Druck setzen oder an uns zweifeln brauchen, wenn Missverständnisse auftreten.

Wir können allerdings mit achtsamer Kommunikation die Wahrscheinlichkeit für Verständnis erhöhen. Gleichzeitig können wir sie steigern, indem wir offen und neugierig bleiben für andere und das, was sie mitzuteilen versuchen.
„Wahr ist nicht das, was A sagt, sondern das, was B versteht.“ – Paul Watzlawick
In diesem Blogartikel möchte ich einige kommunikative Möglichkeiten vorstellen, die es erleichtern können, in einen wirklichen, tiefen Dialog zu kommen, wie auf einer Wippe, die gleichmäßig von einer Seite zur anderen schwingt.
Das Dialogprinzip

Ein zentrales Modell des Dialogprinzips beschreibt Dr. med. Mirriam Prieß in ihrem Buch „Die Kraft des Dialogs“ (Südwest Verlag, 2021).
Ein Gleichgewicht haben wir im Gespräch, wenn alle drei Seiten des Dreiecks ausgewogen berücksichtigt werden. Dann kann die Gesprächswippe locker schwingen vom „Ich“, zum „Du“, zum „Wir“.
Das „Ich“ steht dabei für die Selbstwahrnehmung der eigenen Bedürfnisse, Grenzen und Verantwortung. Das „Du“ hat das Gegenüber im Blick, mit seinen Bedürfnissen und Grenzen. Beim „Wir“ geht es um den gemeinsamen Raum, die Pflege, Aufmerksamkeit und Gestaltung braucht. Wenn ein Bereich dominiert, z. B. das „Ich“ (Egoismus) oder das „Wir“ (Selbstaufgabe), kommt es zu Beziehungsstörungen. Wir geraten aus dem Takt und damit aus dem Schwingen im Miteinander.
Weg vom Monolog hin zum Dialog
„Die meisten Gespräche sind nichts als zufällig zur gleichen Zeit stattfindende Selbstgespräche.“ – Paul Eßer
Der Dialog ist eine Idealform der Kommunikation. Vermeintlich ist es einfach: Zwei (oder mehr) Personen treffen sich und reden. Im Alltag reden wir oft von Dialogen und meinen doch Monologe.
Dabei geht es vor allem um einen gemeinsamen Gedankenaustausch und nicht darum, Recht zu behalten. Idealerweise halte ich innerlich das Eingeständnis parat: „Ich könnte irren.“ Durch diese einfache, aber tiefgreifende Einsicht öffnen wir den Raum des gegenseitigen Verstehen-Wollens, im Sinne von „So meinst du das also…“ Um dann (im zweiten Schritt) den eigenen Blickwinkel zu ergänzen: „Möchtest du hören, wie meine Sichtweise zu dem Thema ist?“
„Dialog bedeutet Kompromiss: Wir lassen uns auf die Meinung des anderen ein.“ – Dalai Lama
Nur wer sich innerlich öffnen lässt von den Argumenten des anderen, kann sich ihm gegenüber dialogbereit zeigen. Ein tragfähiger Dialog beginnt nicht nur mit einem klugen Gedanken, sondern mit einem stillen Moment der Offenheit. Wenn die Bereitschaft da ist, aufeinander zuzugehen und der Mut, nicht gleich zu urteilen, kommen wir in Resonanz im Miteinander. Dieses gemeinsame „Schwingen“ zeigt sich im Wechselspiel aus Sprechen und Hören. Konstruktiv ist ein Gespräch, wenn Redeanteile ausgewogen sind – wie bei einer Wippe.

Übung für das nächste Gespräch: Was kann ich tun, um die Gesprächswippe ausgewogen schwingen zu lassen?
Zuhören
„Bei guten Gesprächen geht es nicht nur um das Sprechen, sondern vor allem um das richtige Zuhören.“ – Helmut Glaßl
Gutes Zuhören ist die Basis jeden Gesprächs. Ziel sollte immer sein, den anderen in Ruhe ausreden zu lassen und zu verstehen und nicht nur zu antworten. Oft genug hören wir gar nicht richtig hin, sondern formulieren im Geiste bereits unsere Antwort, häufig unsere Rechtfertigung. Konzentriertes Zuhören ist ein kommunikatives Geschenk und gleichzeitig eine Haltung. Wir alle möchten, dass uns zugehört wird – aber sind wir auch bereit, diese Fähigkeit zu geben? Wenn wir die innere Einstellung haben, verstehen zu wollen und nicht zu schnell bei uns sind, kommen wir in Resonanz.
Übung für das nächste Gespräch: Bin ich ganz beim Sprechenden oder deute ich seine Aussagen?
Interessiert fragen
„Die schönsten Möglichkeiten eines Gesprächs eröffnen sich, wenn die Teilnehmer aus Freude am Verstehen sich selbst vergessen.“ – Reinhard Dellbrügge
Fragen sind ein zentrales Element im guten Miteinander. Allerdings ist nicht jede Frage wertschätzend. Entscheidend ist die Intention dahinter und die Formulierung. Offene Fragen zeigen echtes Interesse am Gegenüber. Sie laden ein, Gedanken zu teilen, statt sich rechtfertigen zu müssen. Wenn wir fragen und nicht urteilen, öffnen wir den Dialog. Herr B könnte auf Frau A zum Beispiel fragend eingehen „Was genau ist für dich noch unklar mit der neuen Software?“ und sie somit „abholen“ und den Dialog verstehen wollend und lösungsorientiert weiterführen.
Übung für das nächste Gespräch: Was kann mich mein Gegenüber lehren, was weiß ich noch nicht?
Paraphrasieren
Eine hilfreiche Technik, um das Gehörte zu verstehen ist es, zusammenzufassen, was bei uns angekommen ist. Paraphrasieren bedeutet, das Gesagte in eigenen Worten wiederzugeben. Es ist ein zentrales Werkzeug des aktiven Zuhörens. Dabei geht es darum, das Verständnis zu sichern, Missverständnisse zu klären und Wertschätzung zu zeigen, ohne die Kernaussage des Gesprächspartners zu verfälschen.
Es dient der Rückversicherung: „Habe ich dich richtig verstanden, dass…?“, „Meinen Sie damit, dass…?“ Der Inhalt wird dabei leicht umformuliert und versachlicht wiedergegeben. Emotionale Anteile werden neutralisiert, um auf der Sachebene zu bleiben. Paraphrasieren hilft, Verhärtungen und Missverständnisse in Gesprächen zu vermeiden und führt zu einer tieferen, verständnisvolleren Kommunikation.
Übung: Überprüfen Sie bei der nächsten Unterhaltung Ihre Kommunikation. Sind Sie offen und neugierig für das, was der andere auszudrücken versucht oder sind Sie eher bei sich und überlegen schon, was Sie auf das, was Ihr Gegenüber sagt, antworten können?
Eigene Emotionen zeigen
„Gespräch ist gegenseitige distanzierte Berührung.“ – Christian Morgenstern
Gefühle gehören zur Kommunikation dazu. Wer sie komplett ausblendet, wirkt distanziert oder unnahbar. Das bedeutet allerdings nicht, ungefiltert alles herauszulassen. Vielmehr geht es darum, Gefühle zu benennen, statt sie zu verstecken. Es erfordert Mut, Gefühle im Gespräch zu zeigen. Gleichzeitig bietet sich dadurch die Chance für eine authentische Kommunikation, Nähe und Vertrauen. Es bedeutet, sich verletzlich zu zeigen und den Gesprächspartner in der vollen Tiefe kennenzulernen. Frau A könnte mitteilen, dass sie sich aktuell unsicher durch das fehlende „Knowhow“ fühlt. Sie könnte auch benennen, dass sie aktuell etwas frustriert ist, da ihr die Arbeit nicht so schnell wie sonst von der Hand geht und sie um Unterstützung bitten muss. Dieser Einstieg ermöglicht sicherlich einen offeneren und lösungsorientierteren Dialog mit Herrn B.
Sich nicht „triggern“ lassen
Nicht jede Aussage ist ein Angriff und nicht jede Reaktion hat mit uns zu tun. Wenn wir alles persönlich nehmen, verschließen wir uns schnell. Besonders im Arbeitskontext hat geäußerte Kritik meistens mit der Rolle zu tun, die wir einnehmen und nicht mit uns als Person. Das zu trennen, fällt uns oft schwerer, als wir denken. Vermutlich kennen Sie das auch, dass Sie bei bestimmten Themen/Formulierungen auf 180 gehen und sich triggern lassen. Dabei reagiert der Körper schneller, als wir denken können und der Adrenalinpegel schießt hoch.
Da reicht vielleicht schon die achtlos vom Nachbarn hingeworfene Bemerkung „Wäsche aufhängen am Sonntag – sehr merkwürdig.“
Der Satz von Herrn B „Da warst du mal wieder krank“ kann ebenfalls so eine kleine verbale „Bombe“ sein. Er kann bei Frau A Empörung auslösen, da sie sich beschuldigt fühlt, „krank zu feiern“. Im Umgang mit emotionalen Triggern ist es hilfreich, die Auslöser zu erkennen, körperlich wahrzunehmen (Herzklopfen, Anspannung…?) und durch Achtsamkeit Selbstfürsorge zu betreiben. Effektive Strategien im Umgang mit Triggern können sein: ruhig durchatmen, innerlich bis 10 zählen, innere Distanz aufbauen mit der „Aquarium-Technik“ (Situationen wie ein unbeteiligter Beobachter von außen betrachten) oder sich einfach mal eine Sprechpause zu gönnen, bevor wir zurückschießen und Dinge sagen, die noch weiter eskalieren. Diese wenigen Sekunden reichen oft bereits, um körperlich wieder runterzufahren und sachlich reagieren zu können. Mit der Gegenfrage „Wie meinst du das gerade?“ kann der Ball ebenfalls geschickt zurückgespielt werden. So können wir uns außerdem Zeit verschaffen, um eine geeignete Erwiderung zu überlegen.
Eine empathische Grundhaltung einnehmen
„Ein gutes Gespräch ist wie ein Spaziergang durch unser Herz und unsere Seele.“ – Angelika Emmert
Die Grundlage des gelungenen Miteinanders ist es, eine empathische Haltung einzunehmen. Damit ist nicht „nett sein“ gemeint, sondern eine offene, verstehen wollende Einstellung meinem Gesprächspartner gegenüber. Wir alle haben die Fähigkeit, einfühlsam zu sein. Wenn wir jemanden mögen, fällt dies in der Regel sehr leicht. Haben wir allerdings unterschiedliche Standpunkte oder Erfahrungen, gehen wir schnell in den Angriffsmodus oder in eine rechtfertigende Haltung: „So ein Quatsch, was der sagt!“ Dann ist es gut, dass Empathie-Ohr (Selbstkundgabe-Ohr nach Schulz von Thun) einzuschalten: „Was ist bei meinem Gesprächspartner los?“
In dem Moment, in dem wir uns verstanden fühlen, sind wir eher bereit, auf den anderen einzugehen. Es erhöht die Dialogbereitschaft und die Wahrscheinlichkeit, in Resonanz zu kommen.
Fazit: Ein guter Dialog ist wie eine schwingende Wippe, für die es immer wieder neuen Schwung braucht, um in Gleichklang vom „Ich“ zum „Du“ zum „Wir“ zu bleiben. Dann wird ein vertiefter Gedankenaustausch möglich, der uns neue Einsichten und Verständnis bringt und uns vielleicht sogar in einen Flow im Miteinander bringt.

Das ließt sich sehr angenehm und es sind schöne Impulse zum Nachdenken enthalten!
Das freut mich sehr liebe Hilke. Danke für dein Feedback.
Ich habe deinen Artikel sehr gern gelesen. Die Gesprächswippe ist eine richtig schöne Metapher. Sie zeigt so gut, wie wichtig Balance ist – und wie schwer es manchmal ist, den eigenen Standpunkt loszulassen, damit ein Gespräch ins Schwingen kommt. Vielen Dank für dieses anschauliche Bild.
Danke für dein wertschätzendes Feedback liebe Synke. Es freut mich sehr, dass dir der Beitrag gut gefällt und Impulse setzt.