Akzeptanz statt Resignation

Akzeptanz statt Resignation – die unterschätzte Kraft der Resilienz

Wir leben in einer Zeit, in der vieles gleichzeitig auf uns einwirkt. Längst liegt nicht alles mehr in unserer Hand! Umso wichtiger kann es für unserer psychische Gesundheit sein, einen Umgang mit dem zu finden, was wir nicht verändern können.

Akzeptanz bedeutet dabei nicht, die „Hände in den Schoß“ zu legen . Sie kann vielmehr helfen, innerlich wieder beweglicher zu werden und den Blick für das zu öffnen, was trotz allem möglich ist.

Einige Coachings und  Teambegleitungen haben uns  inspiriert, intensiver auf das Thema einzugehen. Mit Blick auf den beruflichen Kontext ging es gerade im letzen Jahr häufig um folgende Fragen: 

  • Wie soll ich damit umgehen, dass ich meine Vorgesetzten mit faktenbasierten Argumenten nicht erreiche?
  • Wie reagiere ich konstruktiv, wenn ich mich an der Stelle allein gelassen fühle?
  • Und wann ist für mich eine Grenze dessen erreicht, was ich akzeptieren kann und will? 

Genau bei solchen Themen lohnt eine tiefgreifendere  Auseinandersetzung mit der eigenen Akzeptanz – eine der sieben Säulen der Resilienz.

Resilienz wird häufig als „Widerstandskraft“ bezeichnet. Das bedeutet jedoch nicht, sich gegen Belastungen abzuhärten oder einen Schutzpanzer anzulegen. Hilfreicher sind eher folgende Bilder: 

Ein biegsamer Baum, der sich im Sturm beugt und wieder aufrichten kann

Eine Pflanze, die fähig ist, durch einen Riss im Stein zu wachsen  

Oder eine Perle, die sich aus einem Sandkorn entwickelt und sinnbildlich dafür steht, aus Herausforderungen etwas Wertvolles entstehen zu lassen.

Solche Bilder mögen beflügeln, was gut ist. Gleichzeitig kennen Sie sicher auch, dass es in der Realität schwer sein kann, Unangenehmes zu akzeptieren. Stattdessen können quälende Gedanken auftauchen: „Was kann ich tun, um die Situation konstruktiv zu beeinflussen?“  „Wieso gelingt es mir nicht etwas zu bewirken?“ 

Daher wollen wir in diesem Blog einen genaueren Blick auf Möglichkeiten und Grenzen der  Akzeptanz werfen – dies unter folgenden Aspekten: 

  1. Wie gelingt Akzeptanz, ohne das Gefühl zu haben, eigene Werte zu verleugnen?
  2. Gibt es empirische Untersuchungen zur positiven Wirkung von Akzeptanz?  
  3. Wie kann sie im Alltag gelingen? 
  4. Facetten der Akzeptanz

1. Die Realität annehmen können und sich selbst treu bleiben

Genau hier kommt die zuvor bildlich beschriebene  Anpassungsfähigkeit ins Spiel,  psychologische Flexibilität genannt. Sie beschreibt die Fähigkeit, auch dann handlungsfähig zu bleiben und sich weiterhin an den eigenen Werten zu orientieren, wenn schwierige Gedanken, Gefühle oder äußere Bedingungen vorhanden sind.

Mit diesem Ansatz arbeitet die Acceptance and Commitment Therapy (ACT). Es handelt sich um einen psychotherapeutischen Ansatz, der Menschen unterstützt, schwierige Gedanken und Gefühle anzunehmen, statt ständig gegen sie anzukämpfen.

Es geht es nicht um die Frage:  „Wie werde ich das Schwierige los?“

Sondern vielmehr um die Haltung:  „Wie kann ich trotz allem, was gerade ist, so leben und handeln, wie es mir wichtig ist?“

2. Wirkung der ACT

Eine Metaanalyse von Macri und Rogge aus dem Jahr 2024 untersuchte 67 Studien mit insgesamt 9.123 Teilnehmenden. Die Ergebnisse zeigen, dass sich bei Patienten unter dem Einfluss der ACT die psychologische Inflexibilität deutlich minimierte.  Die Studie zeigte auch, dass die Teilnehmenden sich mental weniger belastet fühlten, als ohne die Therapie. 

Eine wesentliche Erkenntnis war,  dass nicht immer die Situation selbst die meiste Kraft kostet. Häufig ist es der innere Kampf und die abwehrende Haltung gegen das, was gerade ist, der Menschen Energie raubt. 

3. Ein Beispiel aus dem Klinikalltag

Jutta S. (Name geändert) eine sehr engagierte Oberärztin, kam zu uns ins Coaching. Seit zwei Jahren erlebt sie dieselben strukturellen Probleme: Personalmangel, eine ständig wachsende Arbeitsdichte, bürokratische Anforderungen sowie Entscheidungen der ärztlichen Direktion, die sie fachlich nicht nachvollziehen kann.

Trotz ihres Engagements, ihre Mitarbeitenden zu motivieren, trotz vieler Gespräche mit der ärztlichen Leitung und trotz zahlreicher Optimierungen in der teamübergreifenden Zusammenarbeit hatte sich wenig verändert. Inzwischen spürte sie zunehmend Erschöpfung und immer weniger Freude an der eigentlich geschätzten  und wertvollen Arbeit. Sie fragte sich häufig warum es auf Seiten der ärztlichen Direktion offenbar kein Interesse an den öfter angemeldeten Bedenken gibt. 

Mitunter erwischte sie sich bei dem Gedanken: „Ich mache jetzt nur noch Dienst nach Vorschrift. Alles andere hat doch keinen Zweck und ich reibe mich nur unnötig auf.“

Das war alles andere als befriedigend. Was ihr Halt und Hoffnung gab, war der Kontakt zu den Patient*innen sowie zu einigen Kolleg*innen aus ihrem Team.

Im Coaching arbeiteten wir  gemeinsam daran, welche innere Haltung für sie stimmig sein könnte. Für Jutta war unter anderem folgende Erkenntnis wichtig: „Ich kann diese Strukturen nicht allein verändern. Oft gegen eine Wand zu laufen, macht mich wütend. Ich bin enttäuscht, dass sich die ärztliche Direktion nicht stärker einsetzt.

Meine Energie möchte ich jedoch nicht länger jeden Tag unnötig verlieren. Ich entscheide, wo ich weiterhin Einfluss nehmen möchte – und wo ich loslasse.“

Anschließend überlegte sie, in welchen Bereichen sie tatsächlich Einfluss nehmen konnte.

Zum einen war ihr das Engagement für die Patient*innen besonders wichtig. Sie initiierte deshalb eine Teambesprechung mit dem Ziel, die Schichtübergaben zu verbessern. Neben medizinisch relevanten Informationen sollten dort künftig auch Befindlichkeiten und Ängste der Patientinnen und Patienten intensiver angesprochen werden.

Allein diese zusätzlichen Informationen führten im Kollegium zu einem besseren Verständnis für manche mitunter schwer nachvollziehbaren Verhaltensweisen von Patient*innen. Das wirkte sich positiv auf die Stimmung im Team aus und stärkte das Gefühl der Mitarbeitenden, etwas bewirken zu können.

Ein weiterer Schritt betraf die technische Aufbereitung der Zu- und Abgänge auf der Station. Diese wurde gemeinsam optimiert. Dadurch konnten Unsicherheiten und zeitraubende Abstimmungsgespräche reduziert werden. Der Prozess erforderte zunächst Geduld und die Beteiligung aller, erwies sich letztlich jedoch als großer Gewinn.

Das Coaching war für Jutta in diesem Moment swhr hilfreich. Ob sie später vielleicht dennoch zu der Erkenntnis kommt, dass diese Arbeitsbedingungen auf Dauer nicht zu ihren Werten passen und sie kündigt – das bleibt ihr offen.

Akzeptanz bedeutet nicht, eine Situation um jeden Preis auszuhalten. Sie kann auch zu der bewussten Entscheidung führen, eine Situation zu verlassen.

Auch Nein sagen kann Akzeptanz sein

Ein ähnliches Beispiel finden wir in der Pflege.

Eine Pflegekraft erlebt eine chronisch unterbesetzte Station. Sie möchte ihre Patient*innen gut versorgen und ihre Kolleg*innen nicht im Stich lassen. Deshalb übernimmt sie zusätzliche Aufgaben, springt häufig am Wochenende ein und bleibt oft länger. Zunächst geschieht dies aus Fürsorge. Irgendwann wird daraus jedoch Überforderung.

Die Situation anzuerkennen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben, kann mit folgender Haltung gelingen:„Ich bin eine engagierte Mitarbeiterin, dennoch muss ich nicht jede Lücke persönlich schließen. Ich darf Pausen machen, Unterstützung einfordern und Nein sagen.“

Noch stärker wirkte der Satz: „Ich bin nicht allein verantwortlich, ein dysfunktionales System zu retten.

4. Facetten der Akzeptanz

4.1.Akzeptanz ist keine Resignation

Wichtig ist auch: Akzeptanz darf nicht mit Resignation gleichgesetzt werden. Sie bedeutet nicht, sich abzufinden, eigene Bedürfnisse aufzugeben oder alles gutzuheißen. Akzeptanz bedeutet zunächst:                                                                                                                                                          „Ich erkenne an, was gerade tatsächlich ist! Und dann entscheide ich, was ich damit mache!“        Das ist ein wesentlicher Unterschied: Während Resignation unsere Handlungsfähigkeit einschränkt, kann Akzeptanz sie sogar wiederherstellen. Denn erst wenn ich aufhöre, Energie darauf zu verwenden, die Realität in diesem Moment zu verleugnen, entsteht Raum für eine andere Frage: „Was kann ich jetzt tun?“ Damit beginnt eine konstruktive Suche nach Möglichkeiten.

4.2.Akzeptanz heisst auch, Gefühle wahrzunehmen, ohne ihnen zu folgen

Ärger, Wut, Frust und Enttäuschung sind unangenehme Gefühle, die in belastenden Situationen auftauchen können. Etwas zu akzeptieren bedeutet nicht, diese Gefühle wegzudrücken.

Vielmehr dürfen und sollten Gefühle wahrgenommen und gespürt werden, dies ohne ihnen automatisch die Führung zu überlassen. Nicht weniger zu fühlen ist der richtige Ansatz , vielmehr geht es darum, mit dem, was wir fühlen, beweglicher umzugehen.

Auch hier ist die Forschung zur psychologischen Flexibilität relevant: Ein starrer Umgang mit unangenehmen Gedanken und Gefühlen steht mit geringerem Wohlbefinden in Zusammenhang. Starr handeln wir, wenn wir lediglich in zwei Möglichkeiten denken. Entweder wir kämpfen gegen eine Situation an, oder wir geben auf. Doch es gibt einen dritten Weg: „Ich akzeptiere, was gerade ist  und frage mich trotzdem, was der nächste sinnvolle Schritt ist!“ 

Akzeptanz ist damit nicht das Ende sondern häufig der Beginn einer realistischeren Gestaltung.

Was bedeutet Akzeptanz für Sie? Kennen Sie Situationen , in denen es Ihnen gelungen ist, loszulassen und neue Wege zu entdecken? Was hat Ihnen in schwierigen Momenten geholfen , wieder Zuversicht zu gewinnen? 

Wir freuen uns, Ihre Erfahrungen zu hören. Denn manchmal ist es die Erfahrung anderer, die Mut macht, selbst neue Schritte zu gehen. 

 

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